Wieso Seite 99?

Die Idee beruht auf den Überlegungen des britischen Autors Ford Madox Ford.

Er schlug vor, ein Buch auf Seite 99 aufzuschlagen und mitten im Text anzufangen zu lesen. Damit ließe sich am besten die Qualität eines Romans feststellen.

Der Vorschlag mag auf den ersten Blick skurril wirken – aber ist er das wirklich?
Stellt euch vor, ihr steht in einer Buchhandlung, nehmt irgendein Buch und schlagt es mittendrin auf. Um euch herum laufen andere Kunden, es finden Gespräche statt – gibt es keine ruhige Leseecke, muss einen das, was man auf dieser aufgeschlagenen Doppelseite sieht, reizen, mehr zu lesen. Und auf einem Lesegerät haben wir sogar nur eine einzelne Seite.

Auf Seite 99 sind wir mitten in der Handlung. Der Autor hat die wichtigsten Figuren und Handlungsorte eingeführt und sollte sich also beim Schreiben selbst mitten in der Handlung befunden haben.

Wenn diese Seite spannend, mitreißend und unterhaltsam ist, dann wird man als Leser wissen wollen, wie die 98 Seiten davor waren. Und wie es weiter geht.

Wenn diese eine Seite mich als Leser nicht packt, werden es die 98 davor auch nicht tun.
Mitten in der Handlung muss ein Autor unter Beweis stellen, dass er seine Ideen nicht schon am Anfang der Geschichte aufgebraucht hat. Dass sich die Geschichte so weit trägt, um auch auf Seite 99 noch zu fesseln. Und dazu reizt, weiter zu lesen.

Ist eine Seite aber nicht zu kurz, um sich wirklich einen Eindruck zu verschaffen?

Meiner Meinung nach nicht. Anders als am Anfang einer Geschichte, bei dem ich dem Autor gerne ein paar Seiten zugestehe, um in die Handlung reinzufinden, ein paar einleitende Absätze zu schreiben und die Personen vorzustellen, bringt es eine einzelne Seite mitten im Geschehen prägnant auf den Punkt.

Probiert es zu Hause aus.
Nehmt euch ein Buch aus dem Regal, schlagt es auf Seite 99 auf und fangt an zu lesen.
Reizt es euch, weiterzulesen, auch wenn ihr es bereits kennt? Dann hat der Autor alles richtig gemacht – und euch in seinen Bann gezogen.

Mit einer einzigen Seite.

5 Kommentare

  1. Klasse Idee! Stimmt tatsächlich, jedenfalls bei Romanen und Belletristik.
    Ich schreibe nur Sachbücher über psychologische Themen, bemühe mich aber auch um einen unterhaltsamen packenden Stil. Werde mal eine Seite 99 einschicken.

    • Helen Unruh sagt:

      Die Idee finde auch ich gut, aber unter welcher Rubrik ordnet man hier ein psychologisches Sachbuch ein? Soweit ich das sehe, ist das garnicht vorgesehen…. oder irre ich mich? Das wäre gut, denn ich hätte auch eins zu bieten.

      • Thomas sagt:

        Seite 99 ist tatsächlich bewusst auf Belletristik ausgerichtet. Bei Sach- oder Fachbüchern halte ich es für schwer bzw. sogar unangebracht, alleine aufgrund einer einzelnen Seite über die inhaltliche Aussagekraft des Gesamtwerks zu entscheiden. In erzählenden Texten hingegen kann ich auch schon mit einer Seite einen Eindruck vom Stil und den Ideen eines Autors gewinnen.

  1. 2. Mai 2014

    […] Idee hat Thomas Knip nun mit Seite 99 ins Netz gebracht: Autoren können die 99. Seite Ihres Werks einschicken. Diese wird zusammen mit […]

  2. 10. Mai 2014

    […]  Eine Seite für Autoren. Da ist es nur recht, dass es auch ein Autor war, der Thomas Knip auf die Idee zu dem Portal gebracht hat. Der 1873 geborene und somit längst verstorbenen (1939 in Frankreich) englische […]

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